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04.08.2013 Von: BNA GERMANY®

Teil 4: Die Geburt des ersten indischen Kinofilms

Im frühen zwanzigsten Jahrhundert passierte viel in Indien. Ein Poet namens Rabindranath Tagore veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Gitanjali“; das Kannada (Sprach- und Kulturraum in Indien, Anm. d. Red.) Theater erhielt durch T. P. Kailasam und Ballari Raghav eine moderne Form. Das Bühnenstück „Sha Jejan“ von Dwijendralal Dwivedi brach in Bengalen Rekorde. Und zwischen all dem besuchte ein recht unbekannter Fotograf und Maler namens Dhundiraj Govindi Phalke in Bombay eine Filmvorführung von „Das Leben Christi“ in P. B. Mehtas amerikanisch-indischem Kino. Dieser Mittvierziger war gerade sehr niedergeschlagen, weil seine Geschäfte schlecht liefen und er besuchte eine der Weihnachtsvorstellungen des Filmtheaters. Die Vorstellung wurde für Phalke zur Offenbarung.


Szene aus Raja Harishchandra

Szene aus "Raja Harishchandra"

Light Of Asia

Szene aus "Light of Asia"

Dhundiraj Govindi Phalke

Dhundiraj Govindi Phalke

Durch den Film inspiriert beschloss Phalke, einen ähnlichen Film über das Leben von Krishna, einer beliebten Hindu-Gottheit zu drehen. Nach der Vorstellung kam Phalke mit der Überzeugung nach Hause, dass mit einer starken mythologischen Grundlage auch viele Geschichten als Material zur Verfügung stehen würden. Am nächsten Abend sah er den Film nochmals mit seiner Ehefrau an. Phalke hatte die Heiligen Schriften studiert und sowohl die „Sir J. J. School of Art“ im damaligen Bombay als auch das „Kala Bhavana“ (wichtiges Kunstzentrum in der heutigen Vishva Bharati Universität, Anm. d. Red.) in Baroda (ehemaliges Fürstentum im heutigen Guajarat, Anm. d. Red.) erfolgreich besucht. Dies war ihm eine große Unterstützung bei seinem Einstieg in seine Filmlaufbahn. Zusätzlich arbeitete er auch noch als Amateurzauberer. Er hatte auch einen Fotografiekurs absolviert und mit fotochemischer Bilderentwicklung experimentiert.

Seine Freunde und Verwandten teilten seine Überzeugung jedoch nicht. Sie wurden von Phalkes Entscheidung, seine berufliche Laufbahn im Druckereiwesen für eine neumodische Technik mit Unsicherheiten und finanziellen Stolpersteinen aufzugeben, vor den Kopf gestoßen und versuchten hartnäckig, ihn davon abzubringen. Phalke war jedoch davon geradezu besessen. Er verbrachte mehrere Monate damit, jedes Kino in der Stadt zu besuchen, die Filme zu studieren und zu analysieren und mit seiner billigen Fünf-Dollar Kamera 20 Stunden täglich zu experimentieren. Unweigerlich verschlechterte sich seine Gesundheit und er verlor fast sein Augenlicht. Die einzige Unterstützung erfuhr er von seiner Ehefrau, die liebevoll von vielen „Saraswati Kaki“ (= Tante Saraswati) genannt wurde. Es war in diesen Zeiten ziemlich hart für einen Brahmanen und hochgeachteten Mann der oberen Kaste, einen Beruf wie das Filmemachen zu ergreifen, auf das als Show-Geschäft für Voyeure herabgesehen wurde.

Nach nahezu einem Jahr einsamen Bemühens, sich das Filmemachen selbst beizubringen, erkannte Phalke, dass er sich eine Profiausrüstung zulegen musste und eine Ausbildung an den Geräten benötigte, bevor er die ernsthafte Produktion eines Spielfilms wagen konnte. Alle Versuche, dafür Kredite zu erhalten und Leute von seiner Idee zu überzeugen, schlugen fehl. Um seine Fähigkeiten zu beweisen, pflanzte er eine Erbse in einen Tontopf und nahm ihr Wachstum mit seiner einfachen Kamera auf, ein Vollbild nach dem anderen im Zeitraffer. Bald hatte er einen Film, den er vorweisen konnte: „The Growth of a Pea Plant“ („Das Wachstum einer Erbse“).

Bald danach erhielt er das Geld und reiste, bewaffnet mit einer Anzahl an Katalogen für Kinoausrüstung und einer Ausgabe von Cecil Hepworths „ABC der Kinematographie“ am 1. Februar 1912 nach Großbritannien, um dort das Filmemachen zu lernen und Ausrüstung zu kaufen.

Nach kurzer Zeit kehrte Phalke nach Indien zurück, im Gepäck eine Filmkamera der Gebrüder Williamson, eine Perforiermaschine, Entwicklungs- und Druckmaterial, Rohfilm und die totale Überzeugung von seinen eigenen Fähigkeiten. Wieder einmal rettete ihn seine Frau „Kaki“ Phalke, als sie ihn ihren Schmuck beliehen ließ, um ihm ein Darlehen zu ermöglichen. Die Produktionsprobleme waren ernorm. Er war das sprichwörtliche „Mädchen für alles“: Unterrichten, Schauspielen, Drehbuch schreiben, Szenenbilder entwerfen, Kamera führen und sogar das Film vorführen erledigte er selbst.

Phalke war zwar mit der Technologie und dem notwendigen Wissen zurückgekehrt, aber das alleine reichte noch nicht. Das nächste Problem, das sich stellte, war die Besetzung der Filmrollen. Er benötigte eine Frau, die die Rolle der Taramati, der weiblichen Hauptrolle in seinem Film „Raja Harishchandra“ übernehmen und spielen würde. Zu dieser Zeit war es in Indien so, dass zwar nahezu alles, angefangen bei den Drehbuchschreibern, Schauspielern, musikalischen und künstlerischen Leitern bis hin zu den Kostümbildnern und Schneidern aus dem Parsi Theater (einflussreiche Schauspielkultur landesweit reisender Ensembles, Anm. d. Red.) ausgeliehen werden konnte; das einzige, was er jedoch nicht besorgen konnte, war eine weibliche Schauspielerin. Auf der Suche nach einer Frau, die als Hauptdarstellerin in Frage käme, besuchte er angeblich sogar Bordelle, um Frauen zu überreden, die Rolle zu übernehmen. Sogar seine Annonce erhielt keinerlei Rückmeldung. Ein zufälliges Treffen mit einem sehr weiblich wirkenden Kellner in einem Café in Bombay löste jedoch schließlich sein Problem. Der Mann namens Salunke war bereit und geeignet, die weibliche Hauptrolle zu spielen und stimmte zu.

Als die Angelegenheit nun endlich weiterging, bekam Phalke neue Probleme. Er musste die Kulissen- und Kostümherstellung überwachen, Schauspieler in die Arbeit vor der Kamera einweisen, Regie führen, fotografieren, entwickeln, drucken und den Film schließlich auch schneiden. Er verwandelte einen Bungalow in einem Bombayer Vorort in ein Studio und der Dreh begann. Sechs Monate später war der Film „Raja Harishchandra“ vorführbereit. Dieses indische Wunder war elfhundert Meter lang und dauerte 41 Minuten.

Sogar nach der Filmherstellung waren Phalkes Probleme noch weit davon entfernt, sich in Wohlgefallen aufzulösen. Er organisierte die erste Testvorführung des Films am 21. April 1913 im Olympia Theatre in Bombay. Nach der Testvorführung für die Elite Bombays wurde der Film für die Allgemeinheit am 3. Mai 1913 im Coronation Theatre erstmalig gezeigt. Die erste einheimische Filmproduktion brauchte einige Zeit, um das Publikum zu überzeugen, aber nach und nach stiegen die Zuschauerzahlen und der Film stand fast einen ganzen Monat lang auf dem Spielplan.

Die Geschichte von "Raja Harishchandra" war ein direkter Griff in die Schatztruhe der indischen Mythologie. Im Laufe der vielen vorangegangen Jahrhunderte war die Geschichte immer wieder neu interpretiert und auf verschiedenste Art und Weise und in unterschiedlichen Zusammenhängen erzählt worden. Es ist die Geschichte eines Königs, der alles, sogar sein Königreich, seine Ehefrau und sein Kind opfert, um seinen hohen Idealen gerecht werden zu können und schreckliches Leid und Verzweiflung erlebt. Die Götter sind ihm schlussendlich jedoch gnädig und geben ihm sein Königreich und auch alles andere, was er verloren hat, zurück. 

Warum hat Phalke die Geschichte von Raja Harishchandra als Thema für seinen Film ausgewählt? Die Antwort darauf ist recht einfach. Zum einen war es damals in Mode, beliebte und allgemein bekannte Geschichten zu nutzten und auszuwaiden, Phalke tat dies lediglich im indischen Kontext. Zweitens war die Geschichte noch immer im Alltag präsent und wurde in der indischen Kultur viel zitiert. Zum Dritten besaß sie die gewünschte Anziehungskraft, die die Menschen in die Kinos ziehen würde. Die uralten Tanz- und Musiktraditionen in Indien hatten schon immer die reiche indische Mythologie bewahrt, Phalke bekräftigte nur diese Tradition, indem er ihr ein weiteres Medium hinzufügte und nutzte.

Der Film erhielt fantastische Kritiken in den Tageszeitungen. Um es mit dem „Bombay Chronicle“ vom 5. Mai 1913 zu sagen: „Die Geschichte von Raja Harishchandra ist eins der bewegendsten Dramen und man kann freimütig die Schönheit und Genialität rühmen, mit der D. G. Phalke es geschafft hat, die schwierigsten Szenen effektiv darzustellen. Es wäre schwer, sich etwas Eindrucksvolleres an pantomimischer Aktion vorzustellen als die verzweifelte Umarmung von König und Königin am Scheiterhaufen, zu welchem sie ihren toten Sohn zur Einäscherung gebracht haben…“

Trotz des großen Erfolges in Bombay hatte Phalke Probleme, das Publikum in den kleineren Städten zu erreichen. Nachdem er wieder einmal in einer solchen Stadt nur sehr geringe Zuschauerzahlen verbuchen konnte, befragte Phalke die Theaterbetreiber und erfuhr zu seinem Erstaunen, dass die Leute in der Gegend gewohnt seien, sechsstündige Bühnenstücke für zwei Anna (Währung in Indien bis 1957, 1 Anna = 1/16 Rupie, Anm. d. Red.) zu besuchen, wohingegen sein Film nur 90 Minuten lang wäre und dann auch noch drei Anna Eintritt kosten würde. Phalke annoncierte daraufhin am nächsten Tag: „Ein Film mit 57.000 Fotografien und ein zwei Meilen langes Bild für nur drei Anna!“. Diese Maßnahme brachte den gewünschten Erfolg und die Massen kamen.

„Dadasaheb“ (islamischer Ehrentitel; „Älterer Bruder“, Anm. d. Red.) Phalke gelang es im Alleingang, die indische Filmindustrie zu gründen und er wird daher zu Recht als „Vater der Indischen Filmindustrie“ bezeichnet. Die höchste Ehrung des Landes, der „Dadasaheb Phalke Award“, wurde nach ihm benannt und wird jedes Jahr durch den Indischen Präsidenten einer wichtigen Filmpersönlichkeit verliehen.


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