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01.05.2011 Von: BNA GERMANY®

Wenn aus Kleinem Großes wird

Weniger ist mehr, so lautet ein bekanntes Sprichwort; aber in Bollywood verwandelt sich seit kurzem dieses Weniger in ein riesengroßes Mehr, und das überdimensional. Dort, wo es sonst ein dickes Budget gab und große Namen und noch größere Leinwände an der Tagesordnung waren, schafften es oft unbekannte Regisseure und Drehbuchautoren, einen kleinen Film ganz groß werden zu lassen. Verglichen mit den Großen und Mächtigen waren die Budgets dieser Filme knapp bis ungenügend, Stars gab es keine und trotzdem bediente solch ein Film die Massen. BNA Germany schaut hinter die Kulissen und sucht nach Erklärungen.


Udaan

Udaan

Peepli Live

Peepli Live

Dev D

Dev D

2006 brach ein Film mit alten Gepflogenheiten: „Khosla Ka Koshla“ unter der Regie von Dibakar Bannerjee, der ursprünglich aus der Werbebranche Delhis kam. Der Film entstand hauptsächlich aufgrund einer Zusammenarbeit mit Jaideep Sahni, Dibakars Kollege aus der Werbeagentur. Das Thema des Films war sehr auf die Mittelklasse ausgerichtet. Ein pensionierter Beamter investiert sein ganzes Geld dafür, sich sein Traumhaus zu bauen und wird von der Grund-und-Boden-Mafia betrogen. Mithilfe von Theaterschauspielern können seine Söhne es dem Verkäufer mit gleicher Münze heimzahlen. Es ist eine lustige Geschichte über die Angst der indischen Mittelschicht gegenüber der Land Mafia, die soviele gequält hat. Die Stärken des Films waren das Drehbuch, die Charakterisierung und die Dialoge. Die Situationen erzeugten beim Publikum ein starkes Déjà-vu- Gefühl. Vor langer Zeit sagte bereits Charlie Chaplin einmal: „Arme Leute lieben es zu sehen, wenn die Reichen in schlimmen Szenarien stecken, wenn es ihnen an den Kragen geht und sie auf die Nase fallen. Für die Armen ist das pure Unterhaltung“). „Khosla ka Ghosla“ spielt mit eben diesem Phänomen und erreicht seinen Höhepunkt, wenn die Mafia derart bloßgestellt ist, dass sie darüber schweigen muss – aus Angst, ansonsten ihr Gesicht zu verlieren. Der Mittelklasse bringt derartiges Freude. Der Film ließ die indischen Produzenten erkennen, dass solch kleine Filme durchaus einen Unterschied ausmachen. „Khosla Ka Ghosla“ bestand fast ausschließlich aus einer namenlosen Cast, Ausnahme dabei waren Boman Irani und Anupam Kher. Damit war bewiesen, dass die Anzahl der gefeierten Stars in einem Film nichts aussagt über den Inhalt. Dibakar wand sich seinem nächsten Filmprojekt zu, „Oye Lucky, Lucky Oye“, die Geschichte eines Diebes, der der Polizei Delhis über lange Zeit entkommen war. Mit Abhay Deol und Neetu Chandra in den Hauptrollen hatte er wieder eine relativ unbekannte Cast. Trotz der Attacken in Mumbai, die am Veröffentlichungstag des Films stattfanden, war dieses Projekt ebenfalls erfolgreich. Aufgrund der Anschläge blieben die Kinos für eine Woche geschlossen, was der Film in den Wochen danach aber wieder einholte. Auch dieser Film handelt von der Mittelschicht, die sich nach einem besseren Leben sehnt. 

Sagar Ballarys „Bheja Fry“ (Frittiertes Hirn) fällt in dieselbe Kategorie der kleinen Filme, die großen Erfolg einspielten. Erneut steht die Mittelklasse im Fokus, ihre Ängste, ihre Hoffnungen und die Wege, die sie einschlagen. Mit einem ähnlichen Budget produziert, wurde auch dieser Film zu einem ähnlichen Erfolg. Als Remake des französischen Films „Le Dîner de Cons“ war auch „Bheja Fry“ nicht mit berühmten Namen besetzt. Ausschlaggebend für den Erfolg waren lediglich die Geschichte und die darin enthaltene Situationskomik. Die Geschichte handelt von Ranjeet, der einem reichen Lifestyle nachgeht. Seine Frau arbeitet als Sängerin, während er als Manager einer Soundtrack Firma agiert. Er lädt eines Tages Bharat zum Vorsingen ein. Von Rückenschmerzen geplagt, entgeht ihm dabei, dass Bharat nicht nur Sänger, sondern auch Steuerfahnder ist. Durch sein tollpatschiges Verhalten, bringt Bharat Ranjeets Leben auf recht unterhaltsame Art und Weise ziemlich durcheinander. „Bheja Fry“ zählt bis heute zu den wirklich großen Erfolgen, sowohl bei den Kritikern als auch im kommerziellen Erfolg.

Anurag Kashyap, der bis dato Regie führte bei Filmen wie „No Smoking“ begab sich auf dasselbe Terrain, wenn auch mit anderer Handhabe. Seine moderne Umsetzung der legendären Geschichte um „Devdas“ war ebenfalls Low Budget. In den Hauptrollen sah man Abhay Deol und Mahi Gill. Mahi war praktisch unbekannt, spielte ihre Rolle aber hervorragend. An ihrer Seite stand Kalki Coechlin, ein französischer Import in das indische Filmgeschehen. In dem Film nimmt ein reicher Inder seine Sandkastenliebe nicht besonders ernst. Obwohl sie ihn heiraten will, läuft er davon und sucht Trost bei einer Prostituierten. Anschließend kehrt er zu seiner ersten Liebe zurück. Hierbei handelt es sich um dieselbe Geschichte, die Sarat Chandra Chattopaddhyaya in 1901 geschrieben hat. Anurags Umsetzung der Geschichte hat einen derartigen Unterschied gemacht, dass das Lied „Tauba Tera Jalw“ mit der Textzeile „Tera Emotional Atyacher“(Deine emotionale Tortur) in die Umgangssprache als gängiges Sprichwort übernommen wurde. Das Besondere an diesem Film ist, dass er eine Verbindung zur breiten indischen Masse herstellt und der Zuschauer sich als Teil des Films versteht. „Dev D“ zeigte sich an den Kinokassen erfolgreich und hat heute Kult-Status erreicht.

Auch „A Wednesday” von Neeraj Pandey folgte 2008 demselben Muster. Der Film geht der Frustration der indischen Mittelschicht nach. Ein Widersacher platziert 5 Bomben in der Stadt und fordert die Polizei heraus, diese rechtzeitig aufzuspüren. Damit erinnert er die Regierung an ihre mangelnde Effizienz, die Frustration und Enttäuschung seitens der Menschen über die Unfähigkeit der Regierung. Die Erzählperspektive ist aus der Sicht des Polizeiinspektors in Mumbai, der den Vorfall aufzeichnet und mit den Gefühlen der Bevölkerung konform geht. In dem Film gibt es keine Lieder, keine Tanzszenen – ganz entgegen des typischen Bollywood Films. Stattdessen werden die Charaktere feinfühlig dargestellt, dennoch behält der Film den Spannungsbogen eines Thrillers. Das Publikum ist zunächst im Unklaren darüber, wer die Bomben versteckt hat. Erst gegen Ende kommt heraus, dass es sich um einen Mittelschichtler handelte, der so seinen Unmut ausdrücken wollte. Der Film vermittelt eine Botschaft und eine Moral. Er spielte 6 Millionen Euro ein, dem stehen Kosten entgegen, die nicht einmal 15 % davon betrugen. Die einzigen bekannteren Schauspieler hierbei waren Anupam Kher, Nadeeruddin Shah und Jimmy Shergill. Mit „A Wednesday“ wurde ein weiterer Beweis dafür erbracht, dass der Inhalt ausschlaggebend ist für den Erfolg eines Filmes. So kann ein noch so kleiner Film die Aufmerksamkeit des Publikums erregen. 

„Peepli Live“ ist wohl der aktuellste Film, der diese Entwicklung aufzeigt. Raghubir Yadev ist aus dem Cast der Bekannteste und dennoch hat es dieser Film geschafft, sich in die Herzen der Mittelklasse zu spielen. Er handelt von dem Selbstmord eines Farmers, dem Ausschlachten einer Situation durch die Medienrevolution in Indien und von dem politischen System. Obwohl der Film 2010 auf der Berlinale gezeigt wurde konnte er zunächst keinen Vertrieb bekommen. Trotz der Unterstützung von Aamir Khan dauerte dies eine Weile. Einmal in Umlauf gebracht, brach der Film aber alle Rekorde. 

In Bollywood geschieht gerade eine sehr leise Revolution. Generell verbindet man Bollywood mit verschiedenen Variationen des Entertainments. Hier entsteht aber eine ganz neue Form, die sowohl erfolgreich als auch kritisch ist. Filme wie „Aloo Chat“, „Do Dooni Chaar“, „Yeh Saali Zindagi“, „Tanu weds Manu“, „Ishqia“, „Gulal“, „Life in a Metro“ und „Udaan“ versuchten das typische Bollywoodbild zu zerschlagen und auf eigenen Füßen zu stehen. Für diese Regisseure und Drehbuchautoren war es nie leicht, die großen Filmfirmen zum Investieren zu überzeugen. Viele Filme hatten Probleme bei der Veröffentlichung, so auch Sagar Ballarys „Kachcha Limboo“, Rajat Kapoors „Fatso“, Sudhir Mishras „Tera Kya Hoga Johnny“ und Rituparno Ghoshs „Sunglass“. Manche Filme warten bis heute auf ihre Veröffentlichung. Die Filmschaffenden versuchen, sich von den traditionellen Wegen der Finanzierung und den traditionellen Vertriebswegen zu lösen und neuartige Wege zu beschreiten. Für den Film „I am“ schlug Onir zum Beispiel andere Wege ein. Er versuchte, einen Teil des Budgets über Soziale Netzwerke einzunehmen. Menschen, die mehr als 15.000 € spendeten wurden zu ca. 60 Co-Produzenten und die ca. 300 Leute, die 20 € oder mehr spendeten, wurden zu Mitbesitzern. Er war aber nicht der Erste, der es auf diese Weise versuchte. 2004 versuchten die Macher von „Shwaas“ dasselbe Experiment. Der Film schaffte es übrigens als offizieller Beitrag Indiens zu den Oscars. 

Diese Methoden mögen zwar funktionieren, eignen sich aber nicht als permanente und praktikable Geschäftsmanier. Die indische Filmindustrie muss lernen, den Wert dieser kleinen Wunder zu verstehen und in ebendiese zu investieren. Genau hier liegt die Zukunft des indischen Kinos, oder wie wir es nennen: Bollywood. 


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